Wohnungsabnahme-Protokoll: Checklisten, Fotos & rechtliche Tipps für Österreich

Wohnungsabnahme-Protokoll: Checklisten, Fotos & rechtliche Tipps für Österreich
22 Juni 2026 0 Kommentare Lorenz Schilf

Stellen Sie sich vor: Sie ziehen aus Ihrer Wohnung in Salzburg aus. Der Vermieter kommt vorbei, schaut kurz durch die Räume und sagt: "Alles sieht gut aus." Sie unterschreiben das Protokoll. Zwei Monate später erhalten Sie eine Rechnung über 1.500 Euro für angeblich verschmutzte Teppiche und zerkratzte Parkettböden - Schäden, die schon vor Ihrem Einzug vorhanden waren. Ohne ein detailliertes Übergabeprotokoll mit Fotos haben Sie kaum Chancen, Ihre Kaution zurückzubekommen.

Dieses Szenario ist leider keine Seltenheit. Das Wohnungsabnahmeprotokoll (auch Übergabeprotokoll genannt) ist ein rechtliches Dokument, das den exakten Zustand einer Immobilie bei Ein- oder Auszug festhält. Es dient als Beweismittel im Streitfall zwischen Mieter und Vermieter oder Käufer und Verkäufer. In Österreich gilt nach dem Mietrecht: Was nicht dokumentiert ist, existiert rechtlich oft nicht - oder wird im Zweifel dem aktuellen Bewohner angelastet. Deshalb müssen wir heute genau klären, wie Sie dieses Protokoll richtig erstellen, welche Checklisten Sie brauchen und warum Fotos Ihr bester Freund sind.

Warum das Abnahmeprotokoll so wichtig ist

Viele Menschen unterschätzen die Macht eines einfachen Zettels mit Unterschriften. Das Übergabeprotokoll ist jedoch der einzige objektive Beweis dafür, wer für welchen Schaden verantwortlich ist. Wenn Sie beim Einzug einen Kratzer auf der Küchentür notieren und fotografieren, kann der Vermieter diesen Schaden beim Auszug nicht Ihnen anlasten. Er zählt als "normaler Verschleiß" oder Vorzustand.

Umgekehrt schützt es auch den Vermieter. Wenn Sie die Wohnung sauber hinterlassen, aber der Vorgänger einen Schimmelfleck hinter dem Kühlschrank verursacht hat, beweist Ihr Eingangsprotokoll, dass dieser Fleck schon da war. Das Dokument verhindert also Missverständnisse und teure Gerichtsverfahren. Beide Parteien sollten es daher ernst nehmen und lückenlos ausfüllen.

Die Grundstruktur: Was muss ins Protokoll?

Ein gutes Protokoll beginnt nicht erst im ersten Zimmer, sondern mit den administrativen Basics. Bevor Sie überhaupt die Tür öffnen, stellen Sie sicher, dass folgende Daten klar ersichtlich sind:

  • Adressdaten: Die genaue Adresse der Wohnung inklusive Stockwerk und Etage.
  • Beteiligte: Namen und Kontaktdaten des Vermieters (oder Vertreters), des Mieters/Käufers und eventuell anwesender Makler oder Gutachter.
  • Zeitstempel: Datum und Uhrzeit der Übergabe. Dies ist relevant für die Berechnung von Nebenkosten.
  • Zustimmungserklärung: Ein Satz, der besagt, dass beide Parteien den Inhalt des Protokolls als korrekt bestätigen.

Nach diesen Kopfdaten folgt das Herzstück: die Inventarliste und die Zählerstände. Hier geht es um Zahlen, die Geld kosten.

Zählerstände dokumentieren

Fotos von allen Zählern sind Pflicht. Notieren Sie nicht nur den Stand, sondern auch die Zählernummer. Das betrifft:

  • Stromzähler (inkl. eventuelle separate Zähler für E-Auto-Ladestationen)
  • Gaszähler
  • Wasserzähler (Hauptzähler und ggf. Einzelzähler in Bad/Küche)
  • Heizkostenzähler (wenn vorhanden)

Warum die Nummer? Weil Sie später prüfen können, ob diese Werte wirklich von Ihrer Wohnung stammen und keine Manipulation stattgefunden hat. Machen Sie dazu klare, gut beleuchtete Fotos, auf denen die letzten drei Stellen deutlich lesbar sind.

Schlüsselübergabe

Wie viele Schlüssel bekommen Sie? Oft gibt es hier Chaos. Eine typische Liste umfasst:

  • Hauszugangsschlüssel (oft 2-4 Stück)
  • Wohnungsschlüssel (Haustür, oft 2-3 Stück)
  • Briefkastenschlüssel
  • Kellerschlüssel
  • Gartenschlüssel (falls vorhanden)
  • Müllcontainer-Schlüssel

Testen Sie jeden Schlüssel sofort vor Ort! Lassen Sie sich nicht darauf ein, dass er "später noch funktioniert". Wenn ein Schloss klemmt, notieren Sie das sofort als Mangel. Fehlt ein Schlüssel, schreiben Sie "fehlt" daneben. Das spart Ärger, wenn Sie am Ende des Mietverhältnisses alle Schlüssel zurückgeben müssen.

Raum für Raum: Die detaillierte Inspektion

Jetzt geht es ans Eingemachte. Gehen Sie jede Wohnung systematisch ab. Ich empfehle, immer vom Eingang aus zu starten und gegen den Uhrzeigersinn durch die Räume zu gehen. So überspringen Sie nichts.

Wände und Decken

Suchen Sie nach:

  • Farbabweichungen: Sind alle Wände gleich gefärbt? Gibt es auffällige helle Stellen, die auf vorherige Reparaturen hindeuten?
  • Stoßstellen: Sind Risse in den Ecken oder entlang der Deckenränder sichtbar? Kleine Haarrisse sind normal, große Risse könnten auf Setzungen hinweisen.
  • Feuchtigkeitsspuren: Achten Sie auf dunkle Flecken, besonders unter Fenstern oder an Außenwänden. Das kann auf Undichtigkeiten deuten.
  • Löcher und Nägel: Zählen Sie Nägellöcher von Bildern oder Regalen. Notieren Sie deren Anzahl und Position grob. Bei einem Umzug dürfen Sie meist kleine Löcher stechen, aber wissen Sie vorher, was bereits da ist.

Bodenbeläge

Böden nehmen viel Abnutzung. Prüfen Sie:

  • Parkett/Laminat: Gibt es tiefe Kratzer, Dellen oder lose Platten? Testen Sie, ob Böden knarren, wenn Sie darauf treten.
  • Fliesen: Sind Fliesen locker? Ist der Fugenmörtel intakt oder bröckelig?
  • Teppichboden: Gibt es Flecken, Nahtstellen, die sich gelöst haben, oder Abnutzungserscheinungen an häufig begangenen Stellen?

Tipp: Nehmen Sie eine Taschenlampe mit und halten Sie sie schräg an die Wand oder den Boden. Schatten machen Unebenheiten und Kratzer sofort sichtbar, die man bei normalem Licht übersehen würde.

Fenster und Türen

Öffnen und schließen Sie jedes Fenster und jede Tür mehrmals.

  • Fenster: Klemmen sie? Funktionieren Griffe und Schlösser? Sind die Dichtungen (Gummilippen) gerissen oder hart? Ist die Scheibe beschlagen (Hinweis auf schlechte Isolierung)?
  • Türen: Hängen sie? Reiben sie am Boden? Funktionieren die Schlösser reibungslos?
Nahaufnahme einer Bodenkratzer-Dokumentation mit Smartphone

Küche und Bad: Technische Prüfung

Die Nasszellen und die Küche sind die teuersten Bereiche einer Wohnung. Hier lauern versteckte Mängel.

Küche

  • Arbeitsplatte: Gibt es Schnitttiefe, Verbrennungen oder Risse?
  • Schranktüren: Fallen sie zu oder bleiben offen? Funktionieren die Scharniere?
  • Geräte: Schalten Sie Herd, Backofen, Spülmaschine und Kühlschrank ein. Läuft alles? Gibt es Fehlercodes? Notieren Sie Marke und Modell der Geräte sowie deren Alter, falls bekannt.
  • Ablauf: Lassen Sie Wasser in der Spüle laufen. Geht es schnell ab oder staut es sich?

Bad

  • Sanitärkeramik: Gibt es Risse in Dusche, Badewanne oder Toilette?
  • Armaturen: Tropfen die Hähne? Funktioniert der Thermostatmischer?
  • Spülung: Spült die Toilette vollständig? Gibt es Geruch aus der Kanalisation (Hinweis auf trockene Wasserverschlüsse)?
  • Lüftung: Funktioniert der Abluftventilator? Halten Sie ein Taschentuch an den Lüfter; es sollte angesaugt werden.
  • Fugen: Sind die Silikonfugen schwarz (Schimmel) oder gelblich (Alter)?

Heizung und Elektrik

Beide Systeme sind kritisch für Komfort und Kosten.

  • Steckdosen: Testen Sie jede Steckdose mit einem kleinen Gerät (z.B. Ladegerät). Gibt es Funkenbildung oder lockere Kontakte?
  • Sicherungskasten: Wo befindet er sich? Sind die Sicherungen beschriftet? Funktionieren sie?
  • Heizkörper: Sind sie warm? Gibt es kalte Stellen (Luft im System)? Funktionieren die Thermostatköpfe?
  • Lichtschalter: Funktioniert jede Lampe? Gibt es funktionierende Deckenanschlüsse für Kronleuchter?

Die Kraft der Fotografie: Wie Sie Fotos richtig machen

Eine Beschreibung wie "Kratzer an der Wand" ist subjektiv. Ein Foto ist objektiv. Aber nicht jedes Foto hilft vor Gericht. So machen Sie es richtig:

  1. Allgemeinaufnahmen: Machen Sie von jedem Raum ein Gesamtfoto von einer Ecke aus, sodass zwei Wände und der Boden zu sehen sind. Das zeigt den Gesamtzustand.
  2. Detailaufnahmen: Zoomen Sie auf jeden einzelnen Mangel. Machen Sie ein Nahfoto des Kratzers, des Risses oder des Flecks.
  3. Kontext: Zeigen Sie die Lage des Mangels. Steht neben dem Kratzer der Heizkörper? Dann fotografiere beides zusammen.
  4. Datum und Zeit: Stellen Sie Ihre Kamera so ein, dass Datum und Uhrzeit direkt auf das Bild eingebrannt werden. Oder nutzen Sie Apps, die dies automatisch tun.
  5. Referenzobjekte: Legen Sie bei kleinen Schäden eine Münze oder einen Finger daneben, um die Größe zu veranschaulichen.
  6. Zählerstände: Wie erwähnt, unbedingt fotografieren.

Speichern Sie die Fotos sofort in einer Cloud (z.B. Google Drive, iCloud) und senden Sie sie idealerweise per E-Mail an den Vermieter oder Makler mit dem Vermerk "Anlage zum Übergabeprotokoll vom [Datum]". So haben beide Seiten die gleichen Beweise.

Symbolische Darstellung von rechtlicher Sicherheit durch Fotos

Checkliste für die Wohnungsabnahme (Download-Vorlage im Kopf)

Drucken Sie diese Punkte aus oder speichern Sie sie auf Ihrem Smartphone, um nichts zu vergessen:

Checkliste für die Wohnungsabnahme
Bereich Prüfpunkt Status (OK / Mangel) Bemerkung / Foto-Nr.
Admin Zählerstände (Strom, Gas, Wasser)
Admin Schlüsselanzahl und -funktion
Wohnzimmer Wände (Risse, Flecken, Löcher)
Wohnzimmer Boden (Kratzer, Dellen)
Küche Gerätefunktion (Herd, Spül, Kühl)
Bad Abflussgeschwindigkeit
Bad Fugen und Silikon (Schimmel?)
Allgemein Heizkörper (Warm, Luftfrei?)
Allgemein Elektrik (Alle Steckdosen testen)
Allgemein Fenster/Türen (Klemmen, Schlösser)

Besonderheiten bei Neubauten

Bei einer Eigentumswohnung im Neubau ist die Abnahme noch kritischer. Hier kaufen Sie nicht nur vier Wände, sondern erwarten eine bestimmte Qualität. Bauträger versuchen manchmal, kleinere Mängel (wie unebene Fliesen oder lackierte Rohre) als "Handwerkerfehler" abzutun, die Sie akzeptieren müssen.

Notieren Sie bei Neubauten besonders:

  • Abweichungen vom Bauplan (Größe der Räume, Position der Steckdosen).
  • Qualität der Oberflächen (sind Lackierungen fleckenfrei?).
  • Funktionstüchtigkeit aller Smart-Home-Anlagen oder Gegensprechanlagen.
  • Garantieunterlagen: Fordern Sie alle Garantiescheine für Geräte und Installationen.

Unterzeichnen Sie bei einem Neubau niemals pauschal "ohne Beanstandung", wenn Sie noch nicht alles geprüft haben. Bitten Sie um Zeit, um einen eigenen Handwerker oder Gutachter hinzuziehen.

Häufige Fehler, die Sie vermeiden sollten

Ich sehe diese Mistakes immer wieder:

  1. "Ist ja nur ein kleiner Kratzer": Jeder Kratzer zählt. Notieren Sie ihn. Sonst zahlen Sie später dafür.
  2. Keine Fotos von Zählern: Ohne Foto ist der Zählerstand nur ein Wortversprechen.
  3. Pauschale Formulierungen: Schreiben Sie nicht "Wände etwas dreckig", sondern "Wand links vom Fenster hat 3 cm großen Schmutzfleck".
  4. Verschweigen von Mängeln: Wenn Sie beim Einzug einen defekten Griff ignorieren, weil er "irgendwann repariert wird", haben Sie beim Auszug kein Recht, die Reparaturkosten vom Vermieter einzubehalten, da Sie den Mangel akzeptiert haben.
  5. Falsche Unterschrift: Unterschreiben Sie nie ein leeres Blatt Papier. Das Protokoll muss vollständig sein, bevor Sie Ihren Stift setzen.

Muss ich beim Einzug zwingend ein Protokoll erstellen?

Rechtlich gesehen ja, nicht zwingend durch Gesetz, aber absolut notwendig für Ihren Schutz. Wenn Sie kein Protokoll erstellen, gilt die Wohnung im Zweifel als mangelfrei übernommen. Alle späteren Schäden werden dann Ihnen angelastet, bis Sie beweisen können, dass sie altersbedingt sind - was sehr schwer ist.

Was passiert, wenn der Vermieter das Protokoll nicht unterschreiben will?

Das kommt vor. In diesem Fall notieren Sie im Protokoll: "Vermieter weigert sich, das Protokoll zu unterschreiben, obwohl Mängel X, Y, Z festgestellt wurden." Senden Sie das Protokoll dann per Einschreiben an den Vermieter. Das hat dieselbe Beweiskraft wie eine Unterschrift, da der Empfang nachgewiesen ist.

Sind Fotos allein genug ohne schriftliches Protokoll?

Nein. Fotos sind Beweismittel, ersetzen aber nicht das gemeinsame Einverständnis über den Zustand. Ein Protokoll mit Unterschriften bestätigt, dass beide Parteien denselben Sachverhalt sehen. Fotos ohne Kontext (Datum, Bezug zur Wohnung) sind vor Gericht schwächer.

Wie lange muss ich das Protokoll aufbewahren?

Mindestens bis nach Beendigung des Mietverhältnisses und Rückzahlung der Kaution. Da Verjährungsfristen für Schadensersatzansprüche unterschiedlich sein können, empfehle ich, Kopien dauerhaft digital zu archivieren.

Kann ich einen Gutachter beiziehen?

Ja, insbesondere bei teuren Eigentumswohnungen oder komplexen Mietverhältnissen. Ein unabhängiger Gutachter erstellt ein professionelles Berichtswesen. Die Kosten tragen Sie zunächst selbst, sparen aber oft viel mehr bei der Vermeidung von falschen Schadensansprüchen.