Breitere Stellflächen im Flur: Rollator und Rollstuhl richtig planen

Breitere Stellflächen im Flur: Rollator und Rollstuhl richtig planen
19 September 2026 0 Kommentare Ronny Gunnarsson

Stellen Sie sich vor, Sie stehen in Ihrem eigenen Flur und können nicht mehr weiter. Der Rollator steht quer, die Garderobe blockiert den Weg zur Küche, und der Weg zum Bad fühlt sich an wie ein Hindernislauf. Für viele Menschen mit eingeschränkter Mobilität ist das keine hypothetische Situation, sondern Alltag. Zu enge Flure sind einer der häufigsten Gründe, warum Senioren ihre Selbstständigkeit verlieren. Dabei ist die Lösung oft simpler als gedacht: Es geht um Zentimeter.

In Deutschland leben rund 28 % der Bevölkerung über 65 Jahren mit Einschränkungen in ihrer Bewegungsfähigkeit. Ob es ein alternder Rücken, eine Gelenkerkrankung oder einfach die Nachwirkungen eines Unfalls sind - plötzlich wird der eigene Wohnraum zur Hürde. Die gute Nachricht? Mit gezielten Anpassungen, insbesondere bei den Stellflächen im Flur, lässt sich viel erreichen. Wir schauen uns genau an, welche Maße für Rollatoren und Rollstühle wirklich nötig sind, was die Normen vorschreiben und wie Sie diese Anforderungen in Bestandswohnungen umsetzen, ohne gleich das ganze Haus abzureißen.

Warum Standardmaße oft nicht ausreichen

Viele Wohnungen, besonders solche, die vor 1990 gebaut wurden, haben schmale Flure. Oft sind sie nur 90 bis 100 cm breit. Das mag für einen gesunden Erwachsenen großzügig wirken, aber sobald Hilfsmittel ins Spiel kommen, wird es eng. Ein standardmäßiger Rollator hat eine Breite von etwa 60 bis 70 cm. Dazu kommt der Platz, den Ihre Arme beim Schieben brauchen, und der Abstand zu den Wänden, damit Sie nicht hängen bleiben. Wenn dann noch eine Tür aufgeht oder ein Regal im Weg steht, ist der Durchgang komplett versperrt.

Das Problem verschärft sich, wenn mehrere Personen oder Gegenstände den Flur nutzen müssen. In Mehrfamilienhäusern führt das Abstellen von Rollatoren im Treppenhaus oft zu Konflikten mit Nachbarn. Im schlimmsten Fall werden Fluchtwege blockiert, was im Brandfall lebensgefährlich sein kann. Aber auch innerhalb der Wohnung sorgt ein falsch platzierter Rollator für Stress. Er wird zur Stolperfalle, wenn er nicht sicher steht, oder er nimmt so viel Platz weg, dass andere Bewohner kaum noch vorbeikommen.

Experten betonen immer wieder, dass kleine Änderungen große Wirkung haben. Prof. Dr. Ulrich Königs vom Deutschen Institut für Normung (DIN) weist darauf hin, dass schon zehn zusätzliche Zentimeter Flurbreite die Selbstständigkeit von Senioren erheblich steigern können. Es lohnt sich also, die aktuellen Gegebenheiten kritisch zu prüfen, bevor man teure Umbauten plant oder gar den Umzug in Betracht zieht.

Die Rolle der DIN 18040 bei der Planung

Wenn es um barrierefreies Bauen geht, führt kein Weg an der DIN 18040 vorbei. Diese Norm definiert die technischen Mindestanforderungen für barrierefreie Zugänge und Nutzungen. Seit der Ausgabe von 2017 gelten klare Vorgaben, die Architekten und Bauherren beachten müssen. Doch die Norm ist kein starres Gesetz, sondern ein Leitfaden, der je nach Bedarf angepasst werden kann.

Für Flure gibt die DIN 18040 spezifische Breiten vor. Bei geraden Fluren ohne Richtungsänderungen wird eine nutzbare Breite von mindestens 120 cm empfohlen, sofern die Länge maximal sechs Meter beträgt. Sobald es aber Ecken, Türen oder Begegnungszonen gibt, steigt der Anspruch auf 180 cm. Warum? Weil sich zwei Menschen begegnen sollen können, wobei einer davon möglicherweise ein Hilfsmittel nutzt. Oder weil jemand mit einem Rollator wenden muss, um zurückzulaufen.

Mindestanforderungen für Flure laut DIN 18040 und Praxis
Bereich Empfohlene Breite Anwendungsbereich Hinweis
Großer Flur (gerade) 120 cm Länge max. 6 m Reicht für einzelne Person mit Rollator
Begegnungszone 180 cm x 180 cm Max. alle 15 m Ermöglicht Ausweichen/Wenden
Türdurchgang 90 cm (Lichtmaß) Alle Innentüren Standardtüren sind oft nur 80 cm breit
Wendekreis Rollstuhl 150 cm Freie Fläche Für manuelle Rollstühle erforderlich
Stellfläche Elektrorollstuhl 190 cm x 150 cm Parkplatz + Ladepunkt Steckdose in 85 cm Höhe nötig

Ein wichtiger Punkt, der oft vergessen wird: Die DIN spricht vom "nutzbaren" Maß. Das bedeutet, dass fest eingebaute Elemente wie Heizkörper, Lichtschalter oder dicke Türzargen von der gemessenen Breite abgezogen werden müssen. Messen Sie also nicht nur Wand zu Wand, sondern rechnen Sie alles zusammen, was im Weg steht.

Barrierefreier Flur mit geparktem Elektrorollstuhl und viel Platz.

Unterschiede zwischen Rollator und Rollstuhl

Obwohl beide Hilfsmittel der Mobilitätsunterstützung dienen, stellen sie völlig unterschiedliche Anforderungen an den Raum. Ein Rollator ist eine Gehhilfe, die Stabilität bietet und gleichzeitig die Beinmuskulatur aktiviert. Er ist kleiner und wendiger als ein Rollstuhl, benötigt aber dennoch eine sichere Abstellfläche. Laut Barrierefrei.de sollte eine Bewegungsfläche von mindestens 80 cm x 100 cm vorhanden sein, um den Rollator gefahrlos zu rangieren. Viele Experten raten jedoch zu einer quadratischen Fläche von 120 x 120 cm, um Puffer zu haben.

Der Rollstuhl hingegen braucht deutlich mehr Platz. Für einen manuellen Rollstuhl ist ein Wendekreis von mindestens 150 cm entscheidend. Wenn Sie sich im Flur drehen wollen, um zurück zum Eingang zu fahren, benötigen Sie diese freie Fläche. Bei Elektrorollstühlen wird es noch komplexer. Diese Modelle sind oft breiter und schwerer. Hier empfehlen Fachleute Stellflächen von 190 cm Breite und 150 cm Tiefe. Zusätzlich muss eine Steckdose in erreichbarer Höhe (ca. 85 cm) vorhanden sein, da die Batterien regelmäßig geladen werden müssen.

Ein praktischer Tipp: Wenn Sie aktuell einen Rollator nutzen, aber befürchten, später vielleicht auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein, planen Sie direkt für den größeren Bedarf. Die Kosten für eine spätere Verbreiterung des Flurs sind meist höher als die Investition in etwas mehr Breite jetzt. Architektin Sabine Weber rät dazu, immer 10 cm Puffer einzuplanen, falls das nächste Modell größer ausfällt.

Praktische Lösungen für Bestandswohnungen

Nicht jeder kann sich einen kompletten Umbau leisten. Doch es gibt kreative Wege, den vorhandenen Platz besser zu nutzen. Der erste Schritt ist immer das genaue Maßnehmen. Holen Sie Ihren Rollator oder Rollstuhl und markieren Sie am Boden, wie viel Platz er tatsächlich braucht. Nutzen Sie Kreppband, um die Konturen auf dem Boden zu kleben. So sehen Sie sofort, ob Möbel im Weg stehen.

Oft sind es kleine Dinge, die den Flur verengen. Eine zu breite Kommode, ein sperriges Schuhregal oder eine Garderobe, die weit in den Raum ragt. Hier hilft oft schon das Umräumen. Stellen Sie Möbel so, dass eine freie Fläche von 120 x 120 cm entsteht. Wenn das nicht reicht, denken Sie über alternative Aufbewahrungslösungen nach. Hängende Schränke statt stehender Kommoden können wertvolle Quadratmeter freimachen.

Wenn das Umstellen nicht ausreicht, sind bauliche Maßnahmen nötig. Das Entfernen einer nicht-tragenden Wand oder das Versetzen einer Tür kann den Flur verbreitern. Solche Arbeiten kosten laut Handwerker-Preisindex zwischen 1.200 und 3.500 Euro, abhängig vom Aufwand. Eine günstigere Alternative für Mieter oder Eigentümer, die keine großen Eingriffe vornehmen wollen, sind externe Rollator-Garagen. Diese kleinen Außenboxen sind ab 299 Euro erhältlich und lösen das Problem, indem sie den Rollator direkt vor der Haustür parken, statt ihn durchs Haus zu tragen.

Vergleich zwischen engem Altbauflur und geplantem barrierefreiem Grundriss.

Fördermöglichkeiten und Kostenübernahme

Barrierefreies Wohnen kostet Geld, aber Sie müssen nicht alles allein stemmen. Die KfW-Bankengruppe bietet mit dem Zuschuss "Altersgerecht umbauen" (Programmnummer 455) finanzielle Unterstützung. Pro Wohneinheit können Sie bis zu 5.000 Euro erhalten, wenn Sie Maßnahmen zur Reduzierung von Barrieren durchführen. Dazu gehören auch die Verbreiterung von Durchgängen und die Anpassung von Bewegungsflächen.

Seit Januar 2025 gibt es zudem ein neues Förderprogramm der Deutschen Rentenversicherung. Dieses übernimmt 50 % der Kosten für Verbesserungen von Stellflächen in privaten Wohnungen, bis zu einer Höchstsumme von 3.000 Euro pro Maßnahme. Prüfen Sie unbedingt, ob Sie die Voraussetzungen erfüllen, bevor Sie mit dem Umbau beginnen. Die Anträge sollten idealerweise vor Beginn der Arbeiten gestellt werden, da nachträgliche Bewilligungen schwieriger sind.

Auch die Pflegekassen können helfen. Wenn die Anpassung notwendig ist, um die häusliche Pflege zu ermöglichen oder zu erleichtern, beteiligen sie sich oft an den Kosten. Sprechen Sie frühzeitig mit Ihrer Pflegekasse und lassen Sie sich beraten. Manchmal reichen einfache Maßnahmen wie das Abschleifen von Türschwellen oder das Anbringen von Haltegriffen, um die Zuschüsse zu rechtfertigen.

Zukunftssicher planen: Trends 2026

Die Nachfrage nach barrierefreiem Wohnraum steigt kontinuierlich. Bis 2035 wird prognostiziert, dass 34 % der deutschen Bevölkerung über 60 Jahre alt sein wird. Das bedeutet, dass Immobilien mit breiten Fluren und barrierefreien Grundrissen künftig deutlich mehr Wert sind. Der Marktbericht der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie zeigt ein jährliches Wachstum von 7,3 % im Segment der Wohnraumanpassungen.

Interessant ist auch die geplante Überarbeitung der DIN 18040. Voraussichtlich im zweiten Quartal 2025 soll die neue Version veröffentlicht werden, die Mindestbreiten für Flure mit Rollator-Nutzung von 120 cm auf 130 cm anhebt. Wer heute baut oder saniert, sollte diese Entwicklung im Blick behalten. Planen Sie lieber etwas großzügiger, um auch in zehn Jahren noch flexibel zu bleiben.

Langfristig wird sich die Definition von "komfortabel" verschieben. Was heute als eng empfunden wird, könnte morgen Standard sein. Indem Sie jetzt in breitere Stellflächen investieren, sichern Sie nicht nur Ihre aktuelle Unabhängigkeit, sondern auch den Wert Ihrer Immobilie für die Zukunft.

Wie breit muss ein Flur mindestens sein, um einen Rollator sicher abzustellen?

Für die sichere Nutzung und das Abstellen eines Rollators wird eine Flurbreite von mindestens 120 cm empfohlen. Dies ermöglicht es, den Rollator zu rangieren und anzuhalten, ohne dass er im Weg steht. Bei sehr kurzen Fluren (unter 6 Metern) kann theoretisch auch weniger gehen, doch 120 cm sind der sichere Richtwert für die tägliche Nutzung.

Brauche ich einen Wendekreis im Flur, wenn ich einen Rollator benutze?

Nein, einen vollständigen Wendekreis wie bei einem Rollstuhl (150 cm) benötigen Sie mit einem Rollator nicht zwingend im gesamten Flur. Allerdings sollten Sie an strategischen Punkten, wie vor der Badezimmertür oder am Ende des Flurs, eine Fläche von etwa 120 x 120 cm frei halten, um wenden oder rückwärtsfahren zu können.

Was tun, wenn mein Flur zu schmal für einen Rollator ist?

Es gibt mehrere Optionen: 1) Möbel entfernen oder gegen flachere Varianten austauschen. 2) Nicht-tragende Wände versetzen, um den Flur zu verbreitern. 3) Externe Abstellmöglichkeiten nutzen, wie eine Rollator-Garage im Garten oder Flur des Mehrfamilienhauses (sofern erlaubt). 4) Einen kompakteren Faltrollator wählen, der leichter verstaut werden kann.

Übernimmt die Pflegekasse die Kosten für die Verbreiterung des Flurs?

Die Pflegekasse beteiligt sich in der Regel an wohnumfeldverbessernden Maßnahmen, wenn diese die Pflege erleichtern. Eine reine Verbreiterung des Flurs ist oft eine bauliche Maßnahme, die eher unter die KfW-Förderung (Zuschuss 455) fällt. Klären Sie dies individuell mit Ihrer Kasse, da die Regelungen je nach Pflegegrad und Einzelfall variieren können.

Welche Türbreite ist für Rollatoren und Rollstühle wichtig?

Die lichte Durchgangsbreite der Tür sollte mindestens 90 cm betragen. Viele ältere Innentüren haben nur 80 cm. Da die Türrahmen und Zargen Platz wegnehmen, reicht eine 80-cm-Tür für einen Rollator oft knapp, für einen Rollstuhl meist gar nicht. Ein Austausch auf 90 cm oder sogar 100 cm ist daher eine sinnvolle Investition in die Barrierefreiheit.