Suffizienz im Wohnen: Wie weniger Fläche mehr Wert und Nachhaltigkeit bringt

Suffizienz im Wohnen: Wie weniger Fläche mehr Wert und Nachhaltigkeit bringt
21 Januar 2026 0 Kommentare Ronny Gunnarsson

Deutschland verbraucht immer mehr Wohnfläche - und das, obwohl die Bevölkerung kaum wächst. Seit 1990 ist die durchschnittliche Wohnfläche pro Person von 34,3 auf 47,7 Quadratmeter gestiegen. Das klingt nach Komfort, ist aber ökologisch unsinnig. Studien des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zeigen: 30 Quadratmeter pro Person reichen völlig aus, um Wohnqualität und Umweltverträglichkeit zu vereinbaren. Mehr als das ist nicht nur unnötig, es belastet Klima, Ressourcen und den Wohnungsmarkt. Die Lösung? Suffizienz im Wohnen. Nicht mehr, nicht weniger - sondern genau das Richtige.

Was ist Suffizienz wirklich - und warum ist sie kein Verzicht?

>Suffizienz kommt vom lateinischen sufficere, was so viel bedeutet wie „hinreichen“ oder „genügen“. Es geht nicht darum, auf Komfort zu verzichten. Es geht darum, zu erkennen, was wirklich nötig ist. Das Umweltbundesamt definiert es klar: Suffizienz ist das richtige Maß zwischen Mangel und Übermaß. Wer 80 Quadratmeter in einer Ein-Zimmer-Wohnung wohnt, spart nicht - er verschwendet. Wer dagegen 30 Quadratmeter clever nutzt, lebt nicht bescheiden, er lebt intelligent.

>Die DGNB, Deutschlands führende Zertifizierungsorganisation für nachhaltiges Bauen, sagt es direkt: „Vernunft statt Verzicht.“ Es geht nicht darum, kleinere Wohnungen zu bauen, sondern richtige. Wohnungen, die gut geplant sind, flexibel genutzt werden und lange halten. Ein großes Wohnzimmer, das nur als Ablage dient, ist kein Luxus. Ein kleineres, aber gut gestaltetes Wohnzimmer, das als Arbeitsraum, Gästezimmer und Entspannungsbereich dient, ist eine Investition.

Warum 47,7 m² pro Person ein Problem sind

>Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Jede zusätzliche Quadratmeter Wohnfläche, die gebaut wird, erzeugt graue Emissionen - aus Beton, Stahl, Fenstern, Dämmung. Wer ein neues Einfamilienhaus mit 180 Quadratmetern baut, setzt allein durch den Bau mehr CO₂ frei als ein durchschnittlicher Deutscher in zwei Jahren durch Heizen und Strom verbraucht. Und das, obwohl die meisten Bewohner diese Fläche nie wirklich nutzen.

>Die BBSR-Studie aus September 2023 rechnet vor: Würde die durchschnittliche Wohnfläche pro Person von 47,7 auf 30 Quadratmeter sinken, würden jährlich 11 Millionen Tonnen Treibhausgase im Gebäudebetrieb eingespart. Noch mehr: 9 Millionen Tonnen an grauen Emissionen aus Baustoffen. Das ist so viel, als würde man 2,5 Millionen Autos vom Straßenverkehr nehmen. Und das, ohne dass jemand weniger Komfort hätte.

>Das Problem ist nicht der Mangel an Wohnraum - es ist die Fehlverteilung. In Städten wie Berlin oder München gibt es Wohnungen, die leer stehen, während Familien in Kellern wohnen. Andere Wohnungen sind zu groß für allein lebende Senioren, die sich den Heizungskosten nicht mehr leisten können. Suffizienz löst das nicht mit Neubau, sondern mit Umnutzung.

Umnutzung eines alten Industriegebäudes in eine wohnliche Gemeinschaft mit gemeinschaftlichem Garten.

Wie Suffizienz den Immobilienwert steigert - und nicht senkt

>Ein weit verbreiteter Irrglaube: Kleinere Wohnungen sind wertloser. Das stimmt nicht. Wer heute eine Immobilie kauft, kauft nicht nur Quadratmeter - er kauft Zukunftssicherheit. Gebäude, die mit Suffizienz geplant wurden, haben drei klare Vorteile:

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  • Höhere Umnutzungsfähigkeit: Eine Wohnung, die sich leicht in eine Zweizimmer-Wohnung oder ein Büro verwandeln lässt, bleibt attraktiv - egal, ob sich die Bedürfnisse der Bewohner ändern.
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  • Niedrigere Betriebskosten: Weniger Fläche = weniger Heizung, weniger Strom, weniger Wartung. Das macht sie für Mieter attraktiver und für Eigentümer rentabler.
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  • Bessere Bewertung in Zertifizierungen: Die DGNB hat in ihrer neuen Version 2023 und im Zukunftsprojekt 2030 Suffizienz explizit in die Bewertungskriterien aufgenommen. Gebäude, die mit weniger Fläche auskommen, erhalten höhere Punktzahlen - und damit höhere Marktwerte.
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>Ein Haus mit 120 Quadratmetern, das für eine vierköpfige Familie ideal ausgelegt ist, ist wertvoller als ein Haus mit 200 Quadratmetern, von denen 60 nur als „Zimmer für Gäste“ dienen - und die nie genutzt werden. Die Zukunft gehört nicht den größten, sondern den intelligentesten Wohnungen.

Praktische Wege: Wie man Suffizienz umsetzt

>Es gibt keine magische Formel. Aber es gibt konkrete, bewährte Ansätze, die schon heute funktionieren:

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  1. Wohnungen teilen, aufstocken, umbauen: Statt neue Bauten zu errichten, wird bestehende Substanz genutzt. Ein Dachgeschoss ausbauen, eine Wohnung in zwei kleinere teilen, eine Garage in eine Wohnung umwandeln - das ist Suffizienz in der Praxis.
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  3. Gemeinschaftliches Wohnen: Senioren tauschen ihre große Wohnung gegen eine kleinere und ziehen in ein generationsübergreifendes Projekt, wo sie Gemeinschaftsräume nutzen. Kinder brauchen Platz - aber nicht immer. Ein gemeinsamer Spielraum ersetzt drei separate Kinderzimmer.
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  5. Flexible Ausstattung: Ein Wohnzimmer, das sich mit Schiebewänden in ein Arbeitszimmer verwandelt. Ein Bett, das tagsüber verschwindet. Eine Kücheninsel, die als Esstisch dient. Technik macht es möglich - und macht kleinere Räume komfortabler.
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  7. Sharing von Räumen: Kein eigenes Fitnessstudio? Gemeinschaftsraum im Haus. Kein eigenes Gästezimmer? Ein Zimmer, das jeder nutzen kann, wenn nötig. Das reduziert den Flächenbedarf - und stärkt die Nachbarschaft.
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>Die ifeu-Studie zeigt: Diese Ansätze sind nicht nur ökologisch sinnvoll - sie sind wirtschaftlich attraktiv. Wer heute in solche Projekte investiert, baut nicht nur Wohnraum - er baut Resilienz.

Waage zwischen verschwendeter Wohnfläche und nachhaltiger, kompakter Wohnform mit grünen Dächern.

Warum die Politik noch hinterherhinkt

>Deutschland will jährlich 400.000 neue Wohnungen bauen. Das ist ein legitimes Ziel. Aber es ist ein falsches Mittel, wenn es nur auf Flächenverbrauch setzt. Die BBSR-Studie sagt klar: „Es geht nicht um die Menge, sondern um die Qualität und den Ort.“ Wo brauchen wir neue Wohnungen? Wo können wir bestehende Gebäude besser nutzen?

>Die Lösung liegt in der Kommunalplanung. Städte brauchen Leerstands- und Nachverdichtungskataster - also digitale Karten, die zeigen, wo leerstehende Gebäude, untergenutzte Gewerberäume oder verwaiste Einfamilienhäuser liegen. Dann kann man gezielt umbauen - statt neu zu bauen. Das spart Geld, spart Fläche, spart CO₂.

>Die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) könnte jetzt schon mehr tun: Fördermittel sollten nicht nur für Dämmung und Wärmepumpen fließen, sondern auch für die Teilung von Wohnungen, die Aufstockung von Gebäuden und die Umnutzung von Gewerberäumen. Doch bislang wird Suffizienz in den Förderprogrammen kaum berücksichtigt.

Die Zukunft gehört den intelligenten Wohnräumen

>Suffizienz ist kein Trend - sie ist eine Notwendigkeit. Wer heute Immobilien kauft, baut oder vermietet, muss sich fragen: Wird diese Wohnung in 15 Jahren noch wertvoll sein? Oder wird sie ein Energie- und Kostenfresser sein, der niemand mehr haben will?

>Die Antwort liegt in der Flexibilität, der Effizienz und dem richtigen Maß. Wer 30 Quadratmeter clever nutzt, lebt nicht weniger - er lebt besser. Mit weniger Stress, weniger Kosten, weniger Umweltbelastung. Und mit einem Immobilienwert, der nicht von der Größe, sondern von der Qualität abhängt.

>Die große Chance: Wir müssen nicht warten, bis die Politik handelt. Jeder Hausbesitzer, jeder Architekt, jeder Mieter kann heute anfangen. Eine Wohnung teilen. Eine Garage umbauen. Gemeinschaftsräume schaffen. Den Flächenverbrauch hinterfragen. Denn Suffizienz beginnt nicht beim Bau - sie beginnt mit der Frage: „Brauche ich das wirklich?“

Was ist der Unterschied zwischen Suffizienz, Effizienz und Konsistenz im Wohnen?

Effizienz bedeutet, weniger Energie oder Material pro Einheit zu verbrauchen - etwa durch bessere Dämmung oder energieeffiziente Geräte. Konsistenz bedeutet, auf erneuerbare Ressourcen umzusteigen - wie Solarstrom statt Kohle. Suffizienz dagegen reduziert das Gesamtvolumen des Verbrauchs: weniger Fläche, weniger Material, weniger Nutzung. Erst wenn man die Menge reduziert, machen Effizienz und erneuerbare Energien wirklich nachhaltig. Das Umweltbundesamt sagt: „Sufficiency first, efficiency second!“

Ist eine Wohnung mit 30 m² pro Person wirklich lebenswert?

Ja - wenn sie gut geplant ist. In Japan, Schweden oder den Niederlanden leben Menschen oft in Wohnungen unter 40 m² und haben hohen Wohnkomfort. Der Schlüssel ist nicht die Größe, sondern die Funktion: klare Zonen, multifunktionale Möbel, viel Licht, gute Akustik und Zugang zu Gemeinschaftsräumen. Ein 30 m² großes Apartment mit einem gemeinsamen Garten, Waschraum und Arbeitszimmer im Haus ist komfortabler als ein 70 m² Apartment ohne diese Annehmlichkeiten.

Wie kann ich als Mieter Suffizienz umsetzen?

Du kannst nicht die Wohnung verkleinern - aber du kannst sie smarter nutzen. Frag deinen Vermieter, ob du eine zusätzliche Wohnung im Haus teilen kannst - etwa einen Lagerraum, der zu einem gemeinsamen Arbeitsraum wird. Nutze Gemeinschaftsräume, wenn vorhanden. Vermeide Überflüssiges: Kein eigenes Fitnessgerät, wenn es ein Gemeinschaftsraum gibt. Teile Werkzeuge, Fahrräder, sogar Möbel mit Nachbarn. So reduzierst du deinen persönlichen Flächenbedarf - ohne auf Komfort zu verzichten.

Warum wird Suffizienz oft mit Verzicht verwechselt?

Weil das Wort „genügen“ in der deutschen Sprache oft negativ besetzt ist. Wer „genug“ hat, wird als bescheiden oder sogar arm gesehen. Doch Suffizienz ist keine Askese - sie ist ein bewusster Entschluss, unnötigen Konsum zu vermeiden. Es geht nicht darum, auf das Leben zu verzichten, sondern auf das, was nicht zum Leben gehört. Die DGNB formuliert es klar: „Vernunft statt Verzicht.“

Welche Fördermittel gibt es für suffizienzorientierte Wohnprojekte?

Aktuell fließen Fördermittel der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) hauptsächlich in Effizienzmaßnahmen - Dämmung, Fenster, Wärmepumpen. Suffizienzmaßnahmen wie die Teilung von Wohnungen, Aufstockungen oder die Umnutzung von Gewerberäumen werden kaum unterstützt. Der BBSR fordert, diese Maßnahmen explizit in die Förderkriterien aufzunehmen. Bis dahin lohnt es sich, lokale Förderprogramme von Städten oder Kommunen zu prüfen - einige haben bereits Pilotprojekte für Nachverdichtung und Gemeinschaftswohnen.