Sprachassistenten im Mehrfamilienhaus: So behalten Sie den Datenschutz im Griff
Warum Sprachassistenten im Mehrfamilienhaus ein Problem sind
Ein Sprachassistent wie Alexa oder Google Assistant klingt praktisch: Mit einem Wort wird das Licht an, die Musik gestartet, die Einkaufsliste ergänzt. Aber was passiert, wenn Ihr Nachbar im Flur laut mit seiner Freundin spricht - und Ihr Gerät mithört? In Einzelfamilienhäusern ist das kein großes Thema. In Mehrfamilienhäusern aber wird es zur Datenschutzbombe.
Die Geräte lauschen ständig. Nicht weil sie böse sind, sondern weil sie auf ihr Aktivierungswort warten: „Alexa“, „Hey Google“, „Siri“. Und sie hören nicht nur Sie. Die Mikrofone sind so empfindlich, dass sie Stimmen aus der Nachbarwohnung erfassen - selbst durch Wände, die nur 10 bis 15 Zentimeter dick sind. Studien zeigen: Bis zu 19 Mal pro Stunde wird ein Sprachassistent versehentlich aktiviert. In einem Mehrfamilienhaus bedeutet das: Jede zweite Aktivierung könnte ein fremdes Gespräch aufzeichnen.
Was genau wird aufgezeichnet - und wo landet es?
Die Geräte speichern nicht sofort alles. Sie warten auf das Aktivierungswort. Aber: Bevor das Wort erkannt wird, wird ein winziger Audioausschnitt gespeichert - nur für die Dauer von Sekundenbruchteilen. Wenn das Wort erkannt wird, wird dieser Ausschnitt plus das folgende Gespräch in die Cloud hochgeladen. Und dort? Meist auf Servern in den USA. Das ist nach dem EuGH-Urteil Schrems II problematisch. Die EU-Datenschützer sagen klar: Die Übertragung personenbezogener Daten in Drittländer ohne angemessenen Schutz ist rechtswidrig. Und wer sagt, dass Ihr Nachbar nicht auch über seine Krankheit, seine Finanzen oder seine Trennung spricht? Diese Daten landen dann bei Amazon, Google oder Apple - ohne dass der Betroffene etwas davon weiß.
Warum Einwilligung hier nicht funktioniert
Die DSGVO sagt: Sie brauchen Einwilligung, um Daten zu verarbeiten. Klingt einfach. Aber wie bekommen Sie die Einwilligung von allen Nachbarn? Von der Oma im dritten Stock? Vom Studenten, der nur drei Monate wohnt? Von den Mieterwechseln jedes Jahr? Es ist unmöglich. Selbst wenn Sie alle fragen würden - wer versteht schon, was ein Sprachassistent mit seinen Mikrofonen tut? Eine Studie des Fraunhofer-Instituts zeigt: 68 Prozent der deutschen Mieter wissen nicht, wie diese Geräte funktionieren. Ohne echte, informierte Einwilligung ist die Nutzung in Mehrfamilienhäusern rechtlich riskant.
Was passiert, wenn Sie es trotzdem nutzen?
Ein Mieter aus Berlin hatte seinen Echo Dot in der Küche stehen - direkt an der Außenwand. Eine Nachbarin hörte, wie er nachts seine Bestellung aufgab. Sie war verwirrt. Und dann hörte sie, wie er mit seiner Frau über seine Arbeitsstelle sprach. Sie meldete das bei der Hausverwaltung. Der Vermieter forderte den Mieter auf, das Gerät abzuschalten. Warum? Weil die Landesbeauftragte für Datenschutz Baden-Württemberg klargestellt hat: Wer einen Sprachassistenten so aufstellt, dass er fremde Gespräche aufzeichnet, verstößt gegen das Telekommunikationsgesetz. Das ist kein kleiner Verstoß - das ist Abhören von Telekommunikation. Und das kann teuer werden: bis zu 20.000 Euro Bußgeld. Der Mieter musste nicht nur das Gerät entfernen, sondern auch eine schriftliche Entschuldigung an die Nachbarn schreiben.
Was können Sie tun? Praktische Lösungen für Mehrfamilienhäuser
Sie wollen nicht auf den Komfort verzichten? Dann müssen Sie handeln - und zwar richtig.
- Platzieren Sie das Gerät mindestens 3 Meter von Außenwänden und Fenstern entfernt. Das reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass Stimmen von draußen oder aus Nachbarwohnungen erfasst werden. Eine Umfrage des Verbraucherzentrale Bundesverbandes zeigt: Nutzer, die das befolgen, haben 65 Prozent weniger unerwünschte Aktivierungen.
- Verwenden Sie die physische Mikrofon-Abschaltung. Alle aktuellen Geräte haben einen physischen Knopf, der die Mikrofone komplett deaktiviert. Drücken Sie ihn, wenn Sie nicht sprechen - besonders abends oder wenn Besuch kommt. Das ist der sicherste Weg.
- Deaktivieren Sie die Sprachaufzeichnung in den Einstellungen. Gehen Sie in die App Ihres Geräts und schalten Sie „Sprachaufzeichnungen löschen“ oder „Sprachaufzeichnungen speichern“ aus. So wird nichts in der Cloud gespeichert.
- Wählen Sie Geräte mit lokaler Verarbeitung. Der Amazon Echo Show 15 (2023) verarbeitet viele Befehle direkt im Gerät - ohne Cloud. Das reduziert das Risiko massiv. Auch Google Nest Hub mit lokal gespeicherten Sprachprofilen ist eine Alternative.
- Informieren Sie Ihre Nachbarn. Ein freundliches Zettelchen an der Hauswand - „Ich nutze einen Sprachassistenten. Er ist nur aktiv, wenn ich spreche. Mikrofon ist aus, wenn ich nicht da bin.“ - verhindert Missverständnisse. Der Deutsche Mieterbund empfiehlt das als Standard.
Was sagt der Vermieter dazu?
Ein Vermieter kann Sie nicht einfach verbieten, einen Sprachassistenten zu nutzen. Aber er kann verlangen, dass Sie ihn nicht so aufstellen, dass andere gestört oder beschattet werden. Das Amtsgericht München hat 2022 entschieden: Mieter haften für Schäden, die durch ihre Smart-Home-Geräte entstehen - auch wenn sie nicht absichtlich gehandelt haben. Deshalb: Vereinbaren Sie schriftlich mit Ihrem Vermieter, dass Sie den Sprachassistenten datenschutzkonform nutzen. Das schützt Sie vor späteren Ansprüchen.
Was kommt in Zukunft?
Die Hersteller merken, dass das Problem nicht verschwindet. Amazon hat mit der Firmware 2.23 (März 2023) einen „Nachbarschaftsmodus“ eingeführt: Das Gerät erkennt nun, ob eine Stimme zu Ihrem Profil gehört - und ignoriert Fremdstimmen. Google arbeitet an einem „Wandmodus“, der die Mikrofone so einstellt, dass sie weniger in Richtung Nachbarwohnung hören. Bis 2026 sollen KI-gesteuerte Schallfilter standardmäßig sein - sie erkennen und unterdrücken Stimmen, die nicht vom Nutzer stammen. Doch bis dahin: Verlassen Sie sich nicht auf Technik. Nutzen Sie die einfachen, bewährten Methoden.
Was tun, wenn Ihr Nachbar einen Sprachassistenten hat?
Sie hören, wie Ihr Nachbar mit seinem Gerät spricht - und es reagiert auf Wörter, die nicht von ihm kommen? Dann handeln Sie. Sprechen Sie ihn höflich an. Oft weiß er gar nicht, was er tut. Zeigen Sie ihm diesen Artikel. Wenn er nicht reagiert: Melden Sie es der Hausverwaltung. Die kann aufgrund des Mietvertrags verlangen, dass der Mieter die Nutzung datenschutzkonform anpasst. Falls nötig: Wenden Sie sich an die Landesbeauftragte für Datenschutz. Sie berät kostenlos. Und sie kann bei wiederholten Verstößen tätig werden.
Was ist mit Kindern und älteren Menschen?
Ein Sprachassistent kann für ältere Menschen oder Kinder eine große Hilfe sein - aber auch eine Gefahr. Kinder sagen oft Dinge, die sie nicht verstehen. Ein Gerät könnte „Mama, ich will Eis“ aufnehmen - und dann eine Bestellung auslösen. Ältere Menschen sprechen oft lauter, um verstanden zu werden. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass fremde Stimmen erfasst werden. In diesen Fällen ist die physische Abschaltung besonders wichtig. Und: Stellen Sie das Gerät nicht in den Kinder- oder Schlafraum, wenn er an eine Außenwand grenzt.
Wie viel Aufwand ist das?
Nicht viel. Die richtige Einrichtung dauert 45 Minuten. Danach brauchen Sie nur noch den Knopf zu drücken, wenn Sie nicht sprechen. Und vielleicht ein Zettelchen an die Tür hängen. Das ist kein großer Preis für den Respekt vor der Privatsphäre Ihrer Nachbarn. Die meisten, die es einmal richtig gemacht haben, sagen: „Ich wusste gar nicht, wie einfach es ist.“
Verzichten Sie - oder nutzen Sie verantwortungsvoll
Die Technik ist toll. Aber sie darf nicht auf Kosten der Privatsphäre anderer gehen. In einem Mehrfamilienhaus ist das kein technisches Problem - es ist ein menschliches. Wer einen Sprachassistenten nutzt, trägt Verantwortung. Nicht nur für sich. Sondern für alle, die in der Nähe wohnen. Wenn Sie die einfachen Regeln befolgen, können Sie beide haben: Komfort und Datenschutz. Wenn nicht - dann ist es besser, gar keinen zu haben.
Hildegard Blöchliger
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